Der rasche, deutliche Gewichtsverlust mit GLP-1-Rezeptoragonisten (Semaglutid) und dualen GIP/GLP-1-Agonisten (Tirzepatid) hat die Veränderungen der Körperzusammensetzung in den Fokus gerückt. Ärztinnen, Ärzte und Patienten sorgen sich vor allem um den Verlust an Magermasse und eine mögliche sarkopene Adipositas – einen Zustand mit geringer Muskelmasse und -kraft im Verhältnis zum verbleibenden Körpergewicht.
Jedes deutliche Kaloriendefizit, ob durch Lebensstil, bariatrische Chirurgie oder Arzneimittel, führt zwangsläufig zum Verlust von Fettgewebe und fettfreier Masse (Skelettmuskulatur, Wasser, Bindegewebe und Organe). Die entscheidende klinische Frage ist jedoch, ob GLP-1-Arzneimittel einen überproportionalen Muskelabbau verursachen und welche evidenzbasierten Maßnahmen ihn begrenzen können.
Dieser Leitfaden fasst die Ergebnisse der DEXA-Substudien (Dual-Röntgen-Absorptiometrie) wichtiger Studien zusammen, erklärt die biologischen Ursachen des Muskelabbaus und zeigt praktische Strategien zum Erhalt funktioneller Muskelmasse.
Magermasse und Skelettmuskulatur: der Unterschied
Bei der Bewertung von Daten zur Körperzusammensetzung aus Studien ist die Unterscheidung zwischen „fettfreier Masse“ (Magermasse) und „Skelettmuskulatur“ entscheidend:
- Fettfreie Masse (Magermasse): umfasst alle nicht fettigen Gewebe: Skelettmuskulatur, Herz- und glatte Muskulatur, Knochenmineralgehalt, innere Organe (Leber, Nieren), intra- und extrazelluläres Wasser sowie das Blutvolumen.
- Skelettmuskelmasse: das willkürlich steuerbare, an den Knochen ansetzende Muskelgewebe. Es macht meist nur 40 bis 50 % der gesamten fettfreien Masse aus.
Gesamtkörpergewicht
├── Fettmasse (subkutanes und viszerales Fettgewebe)
└── Fettfreie Masse (Magermasse)
├── Skelettmuskulatur (~45 % der Magermasse)
├── Wasser (intra- und extrazellulär) (~40 % der Magermasse)
├── Innere Organe (~10 % der Magermasse)
└── Knochenmineral und Bindegewebe (~5 % der Magermasse)
Wichtig: Ein erheblicher Teil der bei raschem Abnehmen verlorenen „Magermasse“ ist schlicht intrazelluläres Wasser und Stützgewebe, das für einen leichteren Körper nicht mehr gebraucht wird – kein reiner Abbau funktioneller Skelettmuskulatur.
Was die DEXA-Messungen der Studien zeigen
Die Körperzusammensetzung wurde in vorab festgelegten Substudien der zulassungsrelevanten Phase-3-Studien direkt mit Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DEXA) gemessen:
1. Semaglutid 2,4 mg: die DEXA-Substudie von STEP-1
In einer Substudie mit 140 Teilnehmenden, die über 68 Wochen per DEXA untersucht wurden:
- Abnahme der Gesamtfettmasse: im Mittel -19,3 % (-8,36 kg).
- Abnahme der Gesamtmagermasse: im Mittel -9,7 % (-5,26 kg).
- Zusammensetzung des Gewichtsverlusts: 61,4 % entfielen auf Fettmasse, 38,6 % auf Magermasse.
- Anteil der Magermasse: Da die Fettmasse viel stärker abnahm als die Magermasse, stieg der Anteil der Magermasse am Gesamtgewicht sogar um 3,0 Prozentpunkte (von 60,5 % zu Beginn auf 63,5 % in Woche 68). Das viszerale Fett nahm um 33 % ab.
2. Tirzepatid 15 mg: die DEXA-Substudie von SURMOUNT-1
In einer Substudie mit 160 Teilnehmenden über 72 Wochen:
- Abnahme der Gesamtfettmasse: im Mittel -33,9 %.
- Abnahme der Gesamtmagermasse: im Mittel -10,9 %.
- Zusammensetzung des Gewichtsverlusts: Etwa 74 % entfielen auf Fettmasse, 26 % auf Magermasse.
- Verhältnis von Mager- zu Fettmasse: verbesserte sich von 1,7 zu Beginn auf 2,4 in Woche 72.
| Studie und Wirkstoff | Gesamter Gewichtsverlust | Verlust an Fettmasse | Verlust an Magermasse | Anteil Magermasse am Verlust |
|---|---|---|---|---|
| STEP 1 (Semaglutid 2,4 mg) | -15,3 kg | -9,4 kg | -5,9 kg | ~38% |
| SURMOUNT 1 (Tirzepatid 15 mg) | -21,6 kg | -16,0 kg | -5,6 kg | ~26% |
| Herkömmliche Kalorienreduktion | -8,0 kg | -6,0 kg | -2,0 kg | 25%–35% |
| Bariatrische Chirurgie (Magenbypass) | -35,0 kg | -24,0 kg | -11,0 kg | 30%–35% |
Klinisches Fazit: Inkretin-Arzneimittel verursachen keinen neuartigen oder krankhaften Abbau von Magermasse. Das Verhältnis von Mager- zu Fettverlust entspricht der normalen physiologischen Reaktion bei bariatrischer Chirurgie und herkömmlichen Reduktionsdiäten.
Ist der Muskelverlust unter Inkretinen etwas Besonderes?
Nein. Nach dem Forbes-Gesetz der Körperzusammensetzung hängt der Anteil der verlorenen Magermasse umgekehrt von der anfänglichen Fettmasse ab. Wer zu Beginn mehr Körperfett hat, verliert anteilig mehr Fett und weniger Magermasse.
GLP-1-Arzneimittel bringen jedoch zwei besondere Verhaltensrisiken mit sich, die den Muskelabbau verstärken können, wenn man nicht gegensteuert:
- Severe Hypophagia (Appetite Blunting): Patients frequently reduce their caloric intake by 35% to 50%. In doing so, their absolute protein intake often drops below 0.6 g/kg/day, well below the minimum threshold required to stimulate muscle protein synthesis (MPS).
- Bewegungsmangel und Müdigkeit: In den ersten Behandlungswochen können vorübergehende Müdigkeit, Übelkeit und niedrige Blutzuckerwerte von körperlicher Aktivität und strukturiertem Krafttraining abhalten.
Risiken: sarkopene Adipositas und metabolische Folgen
Der Abbau von Fettgewebe bringt große kardiovaskuläre und metabolische Vorteile, doch der Erhalt der Skelettmuskulatur ist für die langfristige Gesundheit entscheidend:
- Ruheumsatz: Skelettmuskulatur ist stoffwechselaktiv und macht etwa 20 % des täglichen Grundumsatzes aus (etwa 13 kcal/kg/Tag gegenüber 4,5 kcal/kg/Tag bei Fettgewebe). Muskelerhalt wirkt der adaptiven Stoffwechselverlangsamung entgegen, die eine erneute Gewichtszunahme begünstigt.
- Glukoseverwertung: Die Skelettmuskulatur übernimmt über 80 % der Glukoseaufnahme nach dem Essen über die insulinabhängige GLUT4-Translokation. Ein deutlicher Muskelverlust verkleinert den größten Glukosespeicher des Körpers und schwächt die langfristige Blutzuckerstabilität.
- Funktionelle Sarkopenie: Bei älteren Menschen (>65 Jahre) erhöht der Kraftverlust (Dynapenie) das Risiko für Osteopenie, Stürze, Knochenbrüche und Pflegebedürftigkeit.
Ernährungsstrategien: Eiweißverteilung und Leucin-Schwelle
Um dem Abbau von Muskelprotein beim raschen inkretinbedingten Abnehmen entgegenzuwirken, sind gezielte Ernährungsstrategien unerlässlich:
1. Höheres tägliches Eiweißziel
- Empfohlener Bereich: 1,2 bis 1,6 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Ideal- bzw. angepasstem Körpergewicht pro Tag (gegenüber der üblichen Empfehlung von 0,8 g/kg).
- Bei intensivem Krafttraining können Zielwerte von 1,6 bis 2,0 g/kg angemessen sein.
2. Leucin-Schwelle pro Mahlzeit
Die Muskelproteinsynthese folgt einem „Schwellenmodell“, das durch die essenzielle verzweigtkettige Aminosäure Leucin ausgelöst wird:
- Jede Mahlzeit sollte mindestens 2,5 bis 3,0 Gramm Leucin enthalten (meist in 25 bis 35 Gramm hochwertigem, vollständigem Eiweiß wie Molke, Eiern, Hähnchen, Fisch oder angereichertem Soja).
- Eiweiß auf 3 bis 4 Mahlzeiten über den Tag zu verteilen, ergibt über 24 Stunden eine höhere Muskelproteinsynthese, als alles in einer großen Abendmahlzeit zu essen.
3. Eiweißshakes bei starkem Sättigungsgefühl
Da GLP-1-Arzneimittel stark sättigen, kann festes Eiweiß schwer zu essen sein. Flüssiges Molkenproteinisolat oder pflanzliche Proteinmischungen liefern leicht verdauliche, hoch konzentrierte Aminosäuren, die nicht lange im Magen bleiben.
Trainingsprogramme: Krafttraining und Ausdauertraining
Die Art der Bewegung entscheidet, ob der Körper im Kaloriendefizit Skelettmuskulatur erhält oder abbaut:
Nur Kaloriendefizit: Kaloriendefizit + Krafttraining: Fettverlust (~70 %) + Magerverlust (~30 %) Fettverlust (~90 %) + Magermasse erhalten (~95-100 %)
Progressives Krafttraining (die Basis)
Krafttraining ist der stärkste nicht medikamentöse Reiz zum Erhalt der Muskelproteinsynthese:
- Häufigkeit: 2 bis 4 Einheiten pro Woche.
- Programm: Schwerpunkt auf mehrgelenkigen Grundübungen (Kniebeugen, Kreuzheben, Drücken, Rudern, Ausfallschritte) für die großen Muskelgruppen.
- Intensität: 6 bis 12 Wiederholungen pro Satz bei 70 bis 85 % des Maximalgewichts (1RM), bis 1 bis 3 Wiederholungen vor dem Muskelversagen.
Ausdauertraining (Herz-Kreislauf-Unterstützung)
Ausdauertraining (Gehen, Radfahren, Schwimmen) stärkt Herz und Lunge, doch ein zu hoher Umfang ohne begleitendes Krafttraining kann bei starker Energierestriktion den Muskelabbau beschleunigen. Gelenkschonendes Gehen in Zone 2 (7.000 bis 10.000 Schritte täglich) ist ideal, um den Energieumsatz zu halten, ohne die Muskelregeneration zu beeinträchtigen.
Ärztliche Kontrolle: DEXA und Handkraftmessung
Wer Patienten unter langfristiger Inkretin-Therapie betreut, sollte objektive Messungen von körperlicher Leistungsfähigkeit und Körperzusammensetzung einplanen:
- Wiederholte DEXA-Messungen der Körperzusammensetzung: zu Beginn und alle 6 bis 12 Monate, um Veränderungen von Fettmasse, appendikulärer Magermasse (ALM) und Knochenmineraldichte (BMD) zu erfassen.
- Handkraftmessung (Dynamometrie): ein schnelles, validiertes Ersatzmaß für die allgemeine Muskelkraft und funktionelle Fitness. Lässt die Griffkraft unter der Behandlung nach, deutet das auf zu wenig Eiweiß oder einen übermäßigen Abbau hin.
- Tests der körperlichen Leistungsfähigkeit: Aufstehtest (fünfmal vom Stuhl aufstehen) und Messung der Gehgeschwindigkeit, um Mobilitätseinschränkungen früh zu erkennen, vor allem bei älteren Patienten.
Häufige Fragen
Verursacht Mounjaro weniger Muskelverlust als Wegovy?
In den Substudien machte der Verlust an Magermasse unter Tirzepatid 15 mg (SURMOUNT-1) etwa 26 % des Gesamtgewichtsverlusts aus, unter Semaglutid 2,4 mg (STEP-1) etwa 38 %. Diese Studien waren jedoch keine direkten Vergleiche, nutzten leicht unterschiedliche Kohorten und erzielten unterschiedliche absolute Gewichtsverluste. Beide Arzneimittel zeigen akzeptable, physiologische Profile der Körperzusammensetzung.
Können Nahrungsergänzungen wie Kreatin den Muskelverlust unter GLP-1 verhindern?
Kreatin-Monohydrat (3 bis 5 Gramm täglich) erhöht die intrazellulären Phosphokreatinspeicher, unterstützt die Zellhydratation und steigert die Leistungsfähigkeit beim Krafttraining. Es ist eine gut verträgliche, evidenzbasierte Ergänzung, um die Muskelfunktion während einer Kalorienreduktion zu erhalten.
Sollte ich GLP-1 absetzen, wenn die DEXA einen Verlust an Magermasse zeigt?
Nicht unbedingt. Etwas Magermasse zu verlieren, gehört biologisch unvermeidlich zu einem deutlichen Gewichtsverlust (30 kg weniger Körpergewicht brauchen weniger Blutvolumen, weniger Wasser und weniger stützendes Bindegewebe). Erst wenn die funktionelle Muskelkraft nachlässt oder der Magermasseverlust 40 bis 45 % des Gesamtverlusts übersteigt, sollte die Ärztin oder der Arzt Kalorienziel, Eiweißzufuhr oder Dosis anpassen.
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Wissenschaftliche Quellen
- Wilding JPH, et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1 DEXA Sub-study). New England Journal of Medicine. 2021;384(11):989-1002. PubMed PMID: 33567185
- Heymsfield SB, et al. Semaglutide 2.4 mg once weekly and body composition in adults with overweight or obesity: STEP 1 body composition sub-study. Diabetes, Obesity and Metabolism. 2022;24(12):2400-2410.
- Jastreboff AM, et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1 Body Composition). New England Journal of Medicine. 2022;387(3):205-216. PubMed PMID: 35658024
- Forbes GB. Lean body mass-body fat interrelationships in humans. Nutrition Reviews. 1987;45(8):225-231. PubMed PMID: 3306482
- Morton RW, et al. A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. British Journal of Sports Medicine. 2018;52(6):376-384. PubMed PMID: 28698222
Dieser Artikel dient der Information und ist keine individuelle Behandlungsempfehlung. Behandlungsentscheidungen hängen von den persönlichen Umständen und einer fachlichen Beurteilung ab.